"Ram, tera Ganga meili ..... "

 

                                                 – Gott, dein Ganges ist schmutzig.....

 

 

 

.....laut dröhnend klang der Ohrwurm aus den Lautsprechern des Kasettenrekorders in Jhindu Rams Chai-Shop, einem kleinen Restaurant in Dhungri, nicht weit vom Hadimba Tempel. Vergnügt pfiff Jhindu Ram die Melodie vor sich hin, während er ein paar Holzstücke in das Feuer schob, in dem das Wasser für die erste Ladung Tee für den Tag langsam anfing zu köcheln. Ja, heute war ein guter Tag für das Geschäft, viele Pilger und natürlich auch Touristen wurden für das große Hadimba Fest erwartet und Jhindu würde viele Chais und Snacks verkaufen können. Er selber glaubte ja eigentlich nicht mehr so recht an den Hadimba-Kult, irgendwie gehörte das für ihn in eine andere Zeit. Aber – rein geschäftlich gesehen – ist das Fest ein Highlight und so harrte Jhindu gespannt des großen Ansturms.
"Ram, tera Ganga meili ....." - ..tera, tschodra, pandra, bas ! .... dreizehn, vierzehn, fünfzehn, genug! ... sorgfältig zählte Jhindu die Löffel mit dem Teeblättern ab, die er nun in das kochende Gemisch aus Wasser und Milch gab. Na ja, für seine normalen Gäste hätte er 18 Löffel genommen, aber heute kamen eh‘ nur Auswärtige und Touristen, da waren 15 auch genug. Schließlich musste ja auch Jhindu sehen, wo er blieb.

"Ram, tera Ganga meili ..... "

 

"OooooH Namaskar Jhindu Ram" drang der Morgengruß des ersten Besucher durch die Melodie und die Worte des Liedes aus dem Tape-Deck. Nar, ein Deutscher, der hier in Dhungri bereits seit einigen Jahren lebte, betrat den Chai-Shop verbeugte sich und faltete die Hände zum traditonellen Gruß. Jhindu mochte Nar, er war immer höflich und behandelte Jhindu mit Respekt – etwas, das leider nicht von allen Bewohnern Dhungris zu behauopten war. "Namaste Nar-ji, kya hale ?", erkundigte er sich nach dem Wohlbefinden seines Gastes. "Danke, danke bestens, und selbst?", antwortete Nar, der mittlerweile genug Hindi verstand, um die gängigsten Loskeln auszutauschen. Jhindu Ram verdrehte die Augen, richtete den Blick nach oben und sprach mit einer Geste, die andeuten sollte, das man das Schicksal sowieso nicht selbst beeinflussen könne: "Viele Besucher, Nar-ji, viel Arbeit, viel Verantwortung!" "Na komm‘, komm‘, Jhindu, du alter Rakshi-Brahmane, viel Geld würde es doch eher treffen, oder?", entgegnete Nar lachend. Jhindu grinste zurück: "Manchmal geben die Götter etwas mehr, Nar, aber davor haben sie eben die Arbeit gesetzt." "Na ich hoffe doch, Du hast bei der vielen Arbeit Zeit, mir noch einen Chai zu bereiten."
" Kommt sofort..", sagte Jhindu und wollte gerade das erste Glas aus dem Topf...... "Eh, eh, Jhindu, nicht aus dem großen Topf, das ist doch bestimmt höchstens ein pandra-walli, ein Fünfzehl-Löffler." - "Nar, wie kannst Du mir sowas zutrauen, heute ist Hadimba-Fest, da würde ich doch nicht...." "Ok, ok, Jhindu just checking, gib‘ Dein Gebräu schon her! Jhindu reichte ihm das Glas und Nar genoß den ersten Schluck: "Ahhh, das tut gut, der erste Chai ist doch immer der Beste." " Hey, Nar, das erste Chillum auch. Wie sieht’s aus, schnell eins bevor die ersten Gäste kommen?" "Na, da bist du aber ein bisschen spät, zumindestens was vor den ersten Gäste betrifft," meinte Nar und deutete mit einer Bewegung des Kopfes aus dem Fenster hinaus. "Da kommen schon Om Shankar und Micha. Wow, sind die aber früh unterwergs!" Jhindu legt die Schöpfkelle zur Seite und ging zum Fenster. "Stimmt, das wundert mich auch, aber die beiden stören beim Chillum bestimmt nicht, ganz im Gegenteil....." "Yip, bestimmt hat Om Shakar wieder eine exellente Auswahl aus Malana mitgebracht !", freute sich Nar und rieb sich schelmisch die Hände.

"Moin, moin", Micha war mittlerweile im Chai-Shop angekommen und grüßte die beiden . "Na Jhindu, alter Hallodri, um die Uhrzeit bereits das Chillum draußen? Na, das sind mir ja die richtigen Brahmanen." Jhindu mußte lachen und tat so als ob er versuchte sich zu rechtfertigen. "Nur um diese Zeit, Micha-ji, später komme ich hier bestimmt nicht mehr dazu, darum ist jetzt eine gute Zeit...." "Jede Zeit ist eine gute Zeit, Bom Shankar zu sagen! Namaste Jhindu Ram.", mit diesen Worten hatte auch der zweite Gast, ein kleiner sehr dunkelhäutiger Inder die Hütte betreten. "Namaste, Om Shankar Baba, willkommen in meiner bescheidenen Hütte. Deine Worte der Weisheit erfüllen das Antlitz der Göttin mit einem Lächeln..." – "....und dein eigenes auch, du alter Schwerenöter!", meldete sich lachend Nar wieder zu Wort.

Aller Lächeln endete aber abrupt als das Motorgeräusch eines Jeeps zu hören war, der vor dem Shop parkte. Nar warf einen Blick aus dem Fenster. Oh je, drei Gestalten in nur allzu bekannten Uniformen näherten sich dem Chai-Shop. "Schnell Jhindu, pack‘ das Chillum weg, Police!" Mit einer geschickten Handbewegung ließ Jhindu das Chillum im Feuer verschwinden, aus Michas und Om Shankars Richtung kamen auch zwei Päckchen geflogen, die schnell zwischen den züngelnden Flammen verschwanden. "Ey, ey Leute, don’t panic – die wollen sicher nur ‚nen Chai...." In diesem Moment wurde der Vorhang beiseite geschlagen und ein Police Officer mit zwei Deputys drangen in Jhindus kleines Reich ein.

"Namaste!!" – irgendwie schaffen es manche Menschen selbst ein solch freundliches Wort derart auszusprechen, das es wie eine Drohung klingt. "Namate, Sabh, namaste" – und irgendwie schaffen es dann andere Menschen das Wort so auszusprechen, das es klingt wie: "Bitte tu mir nichts, bitte schlag mich nicht..." – eine interessante Beobachtung die Nar da gerade machte.

"Jhindu Ram, du betreibst diesen Chai-Shop ohne Lizenz!" – ohne Umschweife kam der Officer gleich zur Sache. "Aber Sabh, Sabh", stammelte Jhindu händeringend, "ich habe die Lizenzgebühren doch bereits vor 2 Monaten zu Ihrer Zufriedenheit bezahlt!" "Nun, Jhindu sagen wir einfach, seit heute gibt es eine Sonderlizenz für religiöse Feste, kann ich die mal bitte sehen", fragte der Officer mit einem sarkastischen Lächeln, und auch die Augen der Deputys funkelten vor unverhohlener Gier. Hal erleichetert, halb verärgert erkannte Jhindu die Sachlage. Jetzt bloß keinen Fehler machen. "Verstehe Sabh, natürlich, die Sonderlizenz für die religiösen Feste, wieviel kostet die?" Der Officer blickte im Raum umher, so als ob er versuche, den Chai-Shops samt Inventar zu taxieren und so den Wert einer solchen Lizenz zu ermitteln. "Nun, ich denke 100 Rupees für mich, sowie je 50 Rupees für meine beiden Deputys erscheinen mir angemessen." Jhindu war erschüttert. Kläglich gab er zu bedenken: "Aber Sabh, 200 Rupees, das frißt meinen ganzen Verdienst auf! Seid gnädig." Der Officer weidete sich am Unglück des Gastwirtes und trieb das Spielchen auf die Spitze: "Jhindu, an einem Tag wie dem heutigen, dem Tag der Göttin Hadimba, wie kannst du da an Verdienst denken? Ist es nicht Verdienst genug, den Pilgern und Gästen zu dienen und sie zu bewirten?" – das Lächeln wurde immer hämischer, es war offensichtlich das es den Eindringlingen, besonderen Spaß bereitete, Jhindu zu demütigen. Dieser mußte wohl oder über das Spiel mitspielen: "Natürlich Sabh, das ist es, aber wären denn 70 Rupees für sie und je 35 für Ihre Deputys nicht ein angemessener Preis für die Sonderlizenz?" – "Ok, Jhindu, aber nur weil heute der Tag der Göttin ist, sagen wir 80 für mich und 40 für die Deputys. Das ist mein letztes Wort, ansonsten machen wir den Laden dicht!" "Nicht nötig Sabh, nicht nötig," mit zitternden Händen zählte Jhindu die Beträge einzeln ab und übergab das Geld mit unterwürfiger Geste an die 3 Polizisten. "Ok, Jhindu, es ist gut, solche loyalen und gesetzestreue Geschäftsleute im Dorf zu wissen. Frohes Fest und – gute Geschäfte!" Mit diesem letzten Ausbruch an Sarkasmus verließen die drei den Chai-Shop und waren ebenso rasch verschwunden, wie sie erschienen waren.

"Ram, tera Ganga meili ..... ......."

 

Micha atmete tief durch als die Polizisten verschwunden waren: "Wow, das war jetzt aber ziemlich heavy am frühen Morgen!" "Na das kannste wohl sagen", Nar war besonders erleichtert, schließlich waren sein Visum und Paß bereits seit Monaten abgelaufen und jede Begegnung mit Uniformen bereitete ihm besonderes Unbehagen. "Darauf einen Hopfensteiner!" "Einen was?" fragte Om Shankar lachend. "Ach, so alter Spruch aus dem deutschen Telly, irgendso ‚ne Comedy-Serie." Ich meine natürlich ein Chillum!", schmunzelte Micha über sich selbst. Dieser Spruch gehörte eigentlich an einen ganz anderen Ort, in eine ganz andere Zeit, Micha ließ die Gedanken fließen.......

Nar begeisterte Zustimmung brachte ihn zurück in die Gegenwart: "Yip, gute Idee, legt los Leute." Om Shankar ahnte bereits Schlimmes, fragte aber zur Sicherheit nochmal nach: "Ja wie, wir? Wir haben doch alles ins Feuer geschmissen, hast Du nichts dabei?" "Nee, nee ich hab‘ nie was, das wißt Ihr doch, ich bin nur ein Schmarotzer." "Und kein schlechter...", schaltete sich Micha wieder ein, "aber mal Spaß beiseite, heißt das, daß einer von uns noch mal hoch zum Haus muß? Oh nee, Du oder ich Om?" "Ich geh‘ schon, schließlich bin ich ja der Wanderprediger, wie Du immer sagst. See you guys later?" Mit diesen Worten erhob sich Om Shankar und strebte dem Ausgang entgegen. "Ey, Baba, guter Zug von Dir!" "Ja, ‚nen guten Zug werden wir dann machen, Du schuldest mir was." "Auf immer und ewig!", entgegnete Micha lachend und blickte durch den offenen Vorgang hinter seinem Freund her. "Wow, da draußen geht mittlerweile ja einiges ab." In der Tat hatte sich der große Platz bereits mit Menschen gefüllt, Pilger aus allen Teilen Himachal Pradeshs trafen sich hier um gemeinsam das Ehrenfest der Göttin Hadimba zu begehen. Dazu kamen natürlich die Touristen aus aller Welt, für die das Ganze in erster Linie ein farbenfrohes Fotospektakel war.

Im Chai-Shop waren mittlerweile an die 20 Personen bei Chai und kleinen Snacks versammelt, und Jhindu der den ersten Schock seiner unliebsamen Begegnung mit der Obrigkeit verdaut hatte, eilte beflissen von Tisch zu Tisch, besorgt um das Wohl seiner Gäste und - wie Nar zu Micha spöttisch bemerkte, um den Ausgleich seines "Startverlustes" vom frühen morgen.

An ihren Tisch hatte in der Zwischenzeit ein Paar aus Deutschland zu ihnen gesellt. "Na ihr, seid‘ ihr das erste Mal hier in Manali?" – der Mann eröffnete den unvermeidlichen Small-Talk mit der üblichen Frage. ""Nee, nee", meinte Micha, "ich lebe hier öfters für ein paar Monate, bin bereits zum 5.Mal hier." "Hey, dann kennst du dich ja richtig aus hier, was genau geht dann da heute Nacht ab?", wollte die Frau wissen. "Das soll am besten der Nar erzählen, der lebt schon am längsten hier." "Würdest Du?", bat die Frau Nar, der bisher geschwiegen hatte. "Ja, was gibt’s zu erzählen. Also, den Hadimba-Tempel kennt ihr ja bestimmt, das ist dieser pagodenartige Bau da vorne", begann Nar und deutete auf die Stelle an der Wand, hinter der sich in gerader Linie der Tempel befand. "Dieser Tempel wurde um einen der heiligsten und kraftvollsten Plätze dieses Planeten herum gebaut, einer Erdspalte, die der Legende nach bis in das Innerste der Erde, des Körpers der Mahagöttin Kali führt. Kali ist euch ein Begriff, oder?" "Klar, die schreckliche Göttin des Todes! Gab’s da nicht mal eine Würgersekte die Menschen ermordeten, als Opfergaben für diese Kali?" "Ja, das war in Bengalen, in der Gegend von Kalkutta, aber das hat überhaupt nichts mit dem wahren Geist von Kali zu tun. Überhaupt, dieser ganze Todesaspekt wird meistens von uns Westlern falsch verstanden." "Hört sich an, als ob Du das besser verstehst......" "Ach, weißt Du, Kali werden wir in ihrer Gesamtheit nie richtig erfassen können, für heute aber reicht es wenn wir verstehen, das Vergehen gleich auch Wiedererstehen bedingt, Sterben neues Leben erschafft, Altes, wenn es geht, Neuem Platz macht." Die Atmosphäre am Tisch hatte sich plötzlich völlig gewandelt. Nar, eigentlich eher klein und immer in gebeugter Haltung, thronte nun regelrecht am Tisch, überragte die anderen, die gespannt an seinen Lippen hingen. "Mann, Nar, woher hast du dieses Wissen. Hast du die alten Schriften gelesen?" "Nein, nur hier gelebt und die Augen und den Geist offen gehalten!" Das Paar aus Deutschland wechselte einen halb belustigten, halb fragenden Blick, und der Mann meinte:"Ok, soweit zu Kali, diese Hadimba ist also ein Aspekt Kalis, wie ihn die Locals hier sehen. Was passiert auf dem Fest?" Nar blickte die beiden an und begann seine Schilderung: "Ab dem Einbruch der Dunkelheit werden zu Ehren der Göttin Hunderte von Tieren geschlachtet, Hühner, Ziegen und auch ein Büffel. Das Blut der Opfertiere wird gesammelt und an einem bestimmten Zeitpunkt in die Erdspalte, die ich vorhin erwähnt hatte gegossen." "Ihhhhh, schaurig!!" "Wart‘ mal, was wirklich schaurig ist. Als ich das erstemal hier war kam ich in der Nacht hier hoch und schaute mir das Treiben an. Von dem Schlachten wußte ich da noch nichts, das war zu dem Zeitpunkt schon vorbei. Gewundert habe ich mich nur über die vielen Pfützen, denn es hatte doch gar nicht geregnet....." "Ihhh, das war alles......" "Genau!" "Wow, abgefahren, da bin ich auf heute abend echt gespannt."

"Ram, tera Ganga meili ..... ......."

 

Wieder ging der Vorhang am Eingang auf , Om Shankar kehrte von der Mission Chillum wohlbehalten zurück. "Ey Baba, nice to have you back," begrüßte Micha seinen Freund. Om blickte im Raum herum und meinte: "Na, hier ist es wohl zu spät für’s Chillum, wie steht’s kommt ihr mit ‚rüber nach Old Manali? Hier geht’s eh‘ erst richtig heute abend los." Micha hatte wie auch das Paar aus Deutschland gerade eine Vegetable Parantha bestellt und wollte nachkommen, aber Nar klopfte auf den Tisch und verabschiedete sich: "Ok, Leute, ich seh‘ Euch später, werde schon mal mit dem Baba losziehen. Jhindu, schreib‘ meine Chais auf die Rechnung." "Tikh hä, Nar-ji, geht in Ordnung." Die beiden verließen das Lokal und Micha war mit den Touries alleine am Tisch. "Sag mal, Micha, was ist den dieser Baba für ein Typ. Und was ist überhaupt ein Baba," wollte die Frau wissen.

"Om Shankar Baba ist wie wir sagen würden ein Wanderheiliger oder wie ich ihn immer necke, ein Wanderprediger. Er gehört zu einer sehr seltenen Gruppe, den SHIVA-SHAKTI Sadhus, die im fortgeschritten Stadium ihres Lernens den Körper in seine Moleküle auflösen und so mit ihrer Umgebung eins werden können."
"Aaaaahhhhhh ja.!!!", drückte der Mann seine Ungläubigkeit aus. Micha, der diese Reaktion von den Touries bereits gewohnt war, blieb cool: "Ich weiß, daß hört sich total farout an, aber ihr müßtet mal ihn selbst über diese Geschichte reden hören. Er selbst kann das natürlich momentan noch nicht, hat aber einen Guru, der seinen Körper aufgelöst hat und eins ist mit einem Wald in der Nähe von Gangotri, der Quelle des heiligen Flusses Ganges." "Aaaaaaaaaahhhhhhhhhh ja!" Leicht genervt, aber immer noch mit dem Bewußtsein, das dies Story für die kleinen Geister nun wirklich etwas zu anspruchsvoll war, entgegnete: "Glaubt’s oder nicht, aber der Om ist sonst ein Typ total down to earth, kifft den ganzen Tag, macht Handarbeiten und ist von seinem ganzen Verhalten viel eher Westler als Inder. Bis auf die Story mit den Molekülen.........." Jetzt mittlerweile total verunsichert, versuchte der Mann das Thema zu wechseln: "Ist ja echt abgefahren! Das kann man aber auch von dieser leckeren Parantha sagen." "Tja, ja, die wirklich wichtigen Dinge im Leben", sagte Micha zu sich selbst und grinste in sich hinein. "Was meintest du gerade?" "Ach, nicht wirklich Wichtiges," Micha hatte genug, wollte nur noch schnell weg. "Ey Leute, ich wünsch‘ Euch ‚ne gute Zeit hier in Manali, vielleicht läuft man sich ja nochmal über den Weg." Eher beruhigt, daß dieser doch etwas sonderbare Typ sie nun verließ, verabschiedete ihn die Frau: "Ciao, Micha, vielleicht sehen wir uns heute abend beim Fest." "Ja, vielleicht, aber dazu noch: Haltet Euch ab der Dunkelheit etwas im Hintergrund, die haben das hier eigentlich überhaupt nicht gerne, wenn Ungläubige auf ihrem Fest ‚rumspringen und Fotos machen. Heute ist noch ein ganz besonderes Datum, irgendwann heute ist der Zeitpunkt, an dem die Hadimba-Energie ihren stärkste Wirkungskraft erreicht. Ein Moment der angeblich nur ein einziges mal in diesem Zeitalter vorkommt. Und hier in Indien ist das nun mal so, das da wo viel Energie ist, auch viel Temperament und manchmal auch viel Aggression ist. Also, beware!" "Ja, danke für den Tipp, werden uns zurückhalten." Micha ging kurz zu Jhindu ‚rüber und bezahlte seine Rechnung. "Und, Jhindu, läuft doch gut der Laden. Da haste die Kosten für die "Sonderlizenz" doch bestimmt bald wieder drin. Im Übrigen, wir sind am Felsen auf dem Weg nach Old Manali, falls du jemanden findest, der dich mal 'ne halbe Stunde hier vertreten kann."

"Ram, tera Ganga meili ..... ......."

 

Sprach’s und zog von dannen, mit freudiger Erwartung endlich dem ersten Chillum entgegen. Nach wenigen Minuten hatte ihn die Stille des Waldes umfangen, der Lärm vom Festplatz verblaßte immer mehr. Als er sich dem Felsen näherte, hörte er schon Nars sonoren Baß durch den Wald schallen: "Boleeeenath!" "Konnten also nicht warten, die Brüder", stellte er fest und brüllte aus vollem Hals die nächste Zeile des "offiziellen Chillum-Mantras", die da lautete "Saaab ke sat!" –"(Gott sei) Mit uns allen". "Lekhin Micha ke saat nahin he! – Aber nicht mit Micha!" – schmunzelte Om Shankar, als dieser am Felsen eintraf. "Immer auf die Kleinen," meinte Micha schmunzelnd, "aber paß‘ auf Baba, du weißt, die kleinen Gehässigkeiten bestraft der liebe Shiva sofort!"

"Ja, ja, wo warst du eigentlich solange?", wollte Nar wissen. "Ach, die beiden Touries haben noch genervt, mich über den Baba ausgefragt, und so." "Über mich ausgefragt?", schaltete sich Om gleich wieder ins Gespräch ein, "wieso wollten die denn was über mich wissen?" "Ach, ich hatte das von dem Einswerden mit der Natur erzählt, das du glaubst irgendwann deinen Körper auflösen zu können,,,," "Micha, was heißt glauben? Ich weiß‘ es, und du weißt, daß ich es weiß! Mein Guru Natraj Naga Sadhu hat dies bereits erreicht, und auch ich werde es eines Tages von ihm lernen!" "Triffst Du ihn eigentlich manchmal in der wirklichen Welt?", wollte Nar wissen. "Einmal habe ich ihn getroffen, seinen Körper meine ich. Er materialisierte sich für die große Kumbha Mela in Allahabadh letztes Jahr, dort wurde mit die große Ehre zuteil." Während dieser Worte hatte er das Chillum gestopft und bat Micha um Feuer. "Bom Shankar!" "Bolenath!" "Saab ke sath!", vollendete Nar das heilige Mantra, während Om mit tiefen Zügen das Chillum anrauchte. Langsam blies er den Rauch in die Luft, und reichte das Chillum weiter zu Nar. Da plötzlich geschah es! Wie von einer Geisterhand wurde Om Shankar vom Felsen gerissen, wand sich auf dem Boden, schien aber keinerlei Schmerzen zu spüren, seine Gesichtszüge waren entspannt, ja fast freudig erregt. "Haan, Ji, haan, haan..... haan ji,"stammelte er vor sich hin. "Nar, was hat er?", Micha war doch sehr besorgt um seinen Freund. "Keine Ahnung, er scheint mit irgendjemandem zu sprechen, er sagt immer, Ja, Herr, ja, ja, Herr, ja!" "Ey, Om, was hast du? Komm‘, Mann, wach auf, so gut kann das Dope doch gar nicht gewesen sein!" Plötzlich öffnete Om die Augen, schien wie aus einer Trance wierder in die Realität zurückzukehren. Etwas benommen blickte er die beiden anderen an, und sagte: "Natraj Naga Sadhu!" Micha, total erleicheter, das Om wohl wieder normal war, platzte heraus: "Dein Guru, Om, was ist mit ihm?" Om blickte ihm tief in die Augen. Es ist soweit, Micha. Natraj Naga Sadhu hat sich materialisiert! Er hat mich gerufen, braucht mich als seinen Guide in der Maya-Welt. Ich muß sofort nach Gangotri!" Micha merkte sofort, daß es Om Shankar sehr ernst mit dieser Sache war. Er selbst war irgendwie total verunsichert, bisher war das halt so ‚ne Story gewesen, aber jetzt.....

"Ok, alles klar, verstehe. Kann ich Dich begleiten?" Om Shankar schüttelte bedauernd den Kopf: "Nein Micha, sorry, so gut ich das auch fände. Aber Natraj Naga Sadhu hat wohl eine sehr wichtige Mission, soweit ich ihn verstanden habe, hat es eine ungeheure Entladung von SHAKTI-Energie auf der Erde gegeben, der Sadhu und ich werden diese Quelle aufsuchen!" "Wie hat er das denn gemerkt und wißt ihr denn, wo ihr suchen müßt?", Micha war das Ganze immer noch nicht so ganz begreiflich. Om schaute ihn lächelnd an. "Eigentlich sollte ich es nicht sagen, aber ihr seid meine guten Freunde und ihr müßt mir versprechen mit dem Wissen nichts Falsches anstellen. Daher sage ich nur: SHIVA-Mountain." Er umarmte seine beiden Freunde und wandte sich zum Gehen. "Om, warte, noch eine Frage: Hat das was mit dem Fest hier zu tun, mit diesem energetischen Moment, der nur einmal in einem Zeitalter passiert?" "Micha, Micha, hat nicht alles irgendwie mit allem zu tun", und mit diesen Worten glitt er vom Felsen und war so schnell im Wald verschwunden, daß Nar und Micha sich fragten, ob er die Fähigkeit, seinen Körper aufzulösen, nicht doch bereits jetzt schon beherrschte.

Micha und Nar brauchten erst mal ein paar Minuten, das Geschehene zu verdauen. Schweigend saßen die beiden am Felsen, bis Nars Stimme die Stille zerschnitt. "Was meint er mit Shiva Mountain, gibt’s hier in der Nähe einen Shiva Berg?" Micha, der die Verehrung Shivas zu einem Kult gemacht hatte, wußte Genaueres: "Kailash. Mount Kailash in Tibet, das ist der Berg Shivas, garantiert sind sie dorthin unterwegs!!" Nar starrte sinnierend in die Ferne. "Micha, wollen wir nicht auch dahin fahren?" Die Frage, so simpel und naheliegend sie auch war, baute sich wie eine Wand vor den beiden auf. Sollten sie? Durften Sie? Hatten Sie Om Shankar nicht versprochen, nichts Falsches mit dem Wissen zu tun? Wäre es denn etwas Falsches, wenn sie auf eigene Faust zum Kailash führen? Ging es überhaupt um den Kailash? Tausende von Fragen und noch mehr Antworten schossen Micha durch den Kopf: "Keine Ahnung, Nar, lassen wir ein Gottesurteil entscheiden! Wir fragen einfach den Nächsten der hier vorbeikommt."

Nar konnte auf diesen seltsamen Vorschlag nicht mal mehr antworten, denn kaum hatte Micha diese Worte ausgesprochen, bog‘ auch schon das deutsche Paar um die Ecke, das Micha im Chai-Shop vorhin so genervt hatte. "Na ja," dachte sich Micha, "das Göttliche zeigt sich oft in den Narren." Er begrüßte sie: "Hey, Ihr beiden, so schnell sieht man sich wieder! Haltet mich bitte nicht für noch mehr durchgeknallt, aber ich würde Euch gerne eine Frage stellen, die ihr bestimmt nicht versteht, mit aber trotzdem beantworten sollt. Würdet ihr das tun?" Als er diese Frage stellte, bemerkte er, daß die beiden sich irgendwie verändert hatten. Die Frau blickte ihn mit nun auf einmal sehr wissenden Augen an und sprach: "Wir tun sogar noch mehr für Dich, Micha. Wir antworten Dir bevor Du fragst." Bei diesen Worten drehte Sie sich zu Ihrem Mann, der ihr kurz zunickte und dann zu Micha sagte: "BI – Das Zusammenhalten. Das Zusammenhalten bringt Heil. Ergründe das Orakel nochmals, ob du Erhabenheit, Dauer und Beharrlichkeit hast; dann ist kein Makel da. Die Unsicheren kommen allmählich herbei. Wer zu spät kommt hat Unheil."

Er verneigte sich vor Micha und bevor der seinen Mund vor Staunen wieder schließen konnte, waren die beiden fast um die nächste Biegung verschwunden. "Wartet," rief Micha hinter den beiden her, "wer seid ihr?" Die Frau drehte sich noch mal kurz um, und sagte mit kaum noch hörbarer Stimme: "Wir sind die, die sich nicht von der Realität schreiben lassen, denn reality really sucks!!!!"

"Ram, tera Ganga meili ..... ......."

 

Wird Om Prakash seinen Guru finden und die beiden dann zusammen wohin auch immer aufbrechen?
Wie werden Micha und Nar das Orakel auslegen, werden auch sie sich auf den Weg machen?

Fragen, die das Schicksal entscheiden wird?
Fragen, auf deren Antworten wir keinen Einfluß haben?

Nicht unbedingt, denn die wahre Frage ist doch:
Schreibt die Realität uns, oder schreiben wir die Realität?

Greifen Sie zur Feder oder hauen Sie in die Tasten, werden Sie Teil der Realität um die Geschehnisse um Om Shankar, seinen Guru Natraj Naga Sadhu, die Freunde Nar und Micha. Und vielleicht spielt ja auch das geheimnisvolle Pärchen noch eine Rolle............

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